Geduld bzw. Fragen und Antworten
"... ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, (...) Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen tages in die Antwort hinein."
Quelle: Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 1903-1908. An Franz Xaver Kappus, 16. Juli 1903
Staunen und Vergänglichkeit
"Komorebi" ist ein japanischer Begriff, der wörtlich übersetzt "Sonnenlicht, das durch Blätter scheint" bedeutet. Er erfasst ein Naturschauspiel, dass das Licht in Bäumen erzeugt in Form von tanzenden Schattenmustern. Korembi beschreibt die flüchtige Schönheit und die Tatsache, dass jeder Moment sich ständig wandelt und nie exakt gleich ist.
Über die Dörfer
Gedicht von Peter Handke (aus dem Gedichtzyklus "Langsame Heimkehr")
Spiele das Spiel.
Gefährde die Arbeit noch mehr.
Sei nicht die Hauptperson.
Such die Gegenüberstellung.
Aber sei absichtslos.
Vermeide die Hintergedanken.
Verschweige nichts.
Sei weich und stark.
Sei schlau, laß sich ein und verachte den Sieg.
Beobachte nicht, prüfe nicht,
sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.
Sei erschütterbar.
Zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild.
Entscheide nur begeistert.
Scheitere ruhig.
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Laß dich ablenken. Mach sozuagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser.
Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen,
weich aus in die Menschenleere,
pfeif auf das Schicksalsdrama,
mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt.
Bewege dich in deinen Eigenfarben;
bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.
Geh über die Dörfer.
Ich komme dir nach.
So oft ist das, was nicht sein darf, das, was ist.
Manchmal ist die Ohnmacht groß, weil ich weiß und spüre, dass ich nur da sein kann, einfach da sein, aber nichts tun kann. Das, was ich tun kann, ist es auszuhalten, nicht davonzulaufen, es tragen, es hören und irgendwie auch fühlen, ohne zu schreien, ohne zu verzweifeln.
So oft ist das, was nicht sein darf, das, was ist.
Was bleibt?
Da-Sein, darauf achten, was trägt, was Kraft gibt, was glauben und hoffen lässt.
Dem Leben eine Chance geben.